Kinderspiele

Ja, auch ohne ipad und Computer konnten sich die Kinder bestens amüsieren. Kennen Sie diese „alten“ Kinderspiele noch? Auf welche Ideen kommen Jungs, wenn Oberwils Talsohle unter Wasser steht?

 

Morrunggle

Früher mussten die Kinder, wenn sie schulfrei hatten, auf der Mühlematt oder in der Alme das Vieh der Bauern hüten. Aber nicht nur Kühe und Rinder. Im Herbst, wenn im Wald die Eicheln von den Bäumen gefallen sind, haben die Buben die Schweine in den Wald getrieben und sie dort hüten müssen. Die Kinder waren selten alleine, häufig kamen fünf bis sechs „Hüeterbuebe“ zusammen. Damit sie sich nicht langweilten, begann sie zu spielen. Morunggle war ihr Lieblingsspiel:

„Me brucht e Stück Rundholz ca. 50-55 cm lang, wo e Duchmässer het vo ca. 3,5 – 4 cm. Es spiele 3 – 4 Lüt, jede brucht e Stägge, wo uf einere Syte zuegspitzt isch. Dr Stägge schlot dr erscht mit Wucht in Bode, dass er stoh blibt. Die andere probiere mit ihrem Stägge dr erscht umzgeihe. Dä wo dr erscht Stägge zum umgheie bringt, het gwunne. Am beschte uf ere Matte. Das Spiel het me immer uf dr Herbschtweid gmacht“. 

Lotti Ermacora-Seiler (geboren 1929)

 

Möpperle

„Do drzue brucht me e Rundholz, wo öppe 2–21⁄2 cm Durchmässer het. Me spitzts schön lang zue, uff beide Sitte. Zum Afo macht me e Strich uf dr Bode, mit er e Chriede, leggt s’Möpperli druf und mit Stägge schlot me uf dr Spitz und luegt, wie wit as es fliegt.
Dä wo am witschte chunt, het gwunne.“

Lotti Ermacora-Seiler (geboren 1929)

 

Zeichnung von Jacques Düblin, 1930. Links im Bild ist das Birsigtalbähnli und das Therwilerströssli zu sehen, rechts sind Buben am „Morrunggle“ (Bild im Besitz der Bürgergemeinde Oberwil)

 

Mässerle

„s’Mässer muess immer mit em Spitz in Bode cho.

1. eifach in Bode gheie

2. vo dr flache Hand us

3. vom Handrugge us

4. vom Chini

5. vo dr Nase

6. vo dr Stirne

7. vom Hinterchopf

S’Mässer muess immer mit dem Spitz gege dr Körper luege. „E gföhrlig Spiel“ s’isch nie öppis passiert. Am beschte gohts, wenn dr Bode weich isch.“

Lotti Ermacora-Seiler (geboren 1929)

 

Hochwasser in der Talsohle zwischen Oberwil und Therwil. Die Aufnahme aus dem Jahre 1936 wurde auf Höhe der Einmündung der Sägestrasse in die Mühlemattstrasse gemacht. Rechts ist der Garten von „Laub Dolfi“, dem Störsager, zu sehen. Die Liegenschaft steht heute noch (A Mi)

 

Padeln mit einem Sarg als Kanu

„Zu meiner Schulzeit gab es noch keinen Industrieteil im Dorf. In Oberwil war das letzte Haus beim „Laub Dolfi“ dem Störsager des Dorfes mit seiner mobilen Holzsäge. Sein Dorfname war „Dr Laubsäger“.

Bei Unwettern trat der Birsig aus seinem Bachbett beim Zusammenfluss von Birsig und Marchbach und ergoss sich auf das Weideland zwischen Oberwil und Therwil. Das Wasser stand dann bis zu 40 cm hoch und reichte bis zum Trassee der Birsigtalbahn. Sogar Velofahrer kamen nicht ohne nasse Füsse zum Nachbardorf. An einem Sommertag war es wieder soweit. Birsig und Marchbach traten über die Ufer und überschwemmten das ganze Gebiet. Zu dieser Zeit las man als Kind die Bücher von Karl May und vor allem über Winnetou und Old Shatterhand. Mein Schulfreund Richard Rufi und ich kamen auf die glorreiche Idee, man könnte doch auf dem entstandenen See padeln gehen. Da die Eltern von Richi Rufi zur Zeit in den Ferien weilten und ortsabwesend waren, holten wir auf dem Estrich der Schreinerei Rufi einen Holzsarg. Wir zimmerten 2 Padel zusammen und begaben uns mit Sarg und Padel zu Fuss durchs Dorf auf dem Weg zur Brücke bei Laub Dofli. Wir wasserten den Sarg, stiegen ein und padelten los in Richtung Therwil. Kurz vor Therwil machten wir kehrt und padelten wieder zurück als Winnetou und Old Shatterhand. Wie wir sehen konnten, hatte sich inzwischen auf der Brücke bei Laub Dolfi eine Menschenmenge angesammelt, die die Lausbuben sehen wollten, die mit einem Sarg auf dem Wasser padelten. Als wir zurück waren und ausstiegen, kam Pfarrer Kost auf uns zu und ohrfeigte uns gehörig. Wir mussten ein Donnerwetter über uns ergehen lassen und die Menschenmenge war teilweise erbost und andere hatten wieder den Plausch an uns und klatschten. Wir versorgten den Sarg wieder auf dem Estrich der Schreinerei.

Als die Eltern von Richi Rufi aus den Ferien zurückkehrten, wurde ihnen natürlich kuhwarm erzählt, was wir Lausbuben gemacht hätten. Mein Vater konnte mir nichts anhaben, weil er im Militärdienst war, aber der Vater von Richi wurde so wütend, dass es sein Sohn zu spüren bekam. Er tat dies nicht wegen dem Padelstreich, sondern weil nun die Bevölkerung wusste, „dr Rufi migger cha nit warte bis eine stirbt, er muess d Särg scho vorher mache“.

René Stöcklin (1932-2017)