Däge-Lädeli

Anno 1903 kauften Jakob und Pauline Düblin-Degen den Spezereiladen von Niggi Degen. Düblins Sohn, der Oberwiler Kunstmaler Jacques Düblin, verbrachte seine Kindheit in dieser Liegenschaft. Während Jakob Düblin als erster Briefträger im Dorf amtete, besorgte Pauline das Lädeli, welches ein unglaublich grosses Sortiment führte. Wer konnte sich damals schon leisten, mit der 1887 erstellten Birsigtalbahn in die Stadt zu fahren, um Einkäufe zu tätigen. So war die Existenz eines Dorfladens mit einem grossen Sortiment von grosser Bedeutung: Lebensmittel, Bekleidungsartikel, Schuhe auch „Holzböden“, Kalberseile, Briketts und Schindeln waren erhältlich. Da der Laden auch das Salzmonopol für das ganze Leimental innehatte, bekam Jacques Düblin als Sohn des damaligen Inhabers den Dorfnamen „Salzjoggi“. Mit Fuhrwerken wurde das Salz in den Salinen in Pratteln abgeholt. Jakob Düblin half in seinen freien Stunden fleissig mit, kümmerte sich um die Rechnungen und führte die Geschäftskorrespondenz.

Das „Dörflädeli“ an der Hauptstrasse mit einer Linde im Vorgarten. Ab 1903 führten Jakob und Pauline Düblin-Degen den Spezereiladen (A Ry)

Jakob und Pauline Düblin-Degen verkauften den Dorfladen 1926 an das Ehepaar Emil und Ida Degen-Krähenbühl, welche das Geschäft bis 1946 führten. Dann übernahmen Marta und Leo Düblin-Degen die Warenhandlung. Vor dem Geschäft stand auch eine Benzinzapfsäule (Shell), die vor allem am Abend den heimkehrenden Elsässer von grossem Nutzen war. Diese durften zur Fahrt in die Schweiz nur 10 Liter Benzin auftanken. Die Tanks wurden an der Grenze durch den französischen Zoll mit einem Messstab kontrolliert.

Die Ladenfläche wurde nach rechts erweitert, davor steht eine Zapfsäule (A Dü)

Benzin, Kaffee, Raucherwaren und Zucker waren im Däge-Lädeli billiger als in Frankreich. 1957 wurde der Laden vergrössert und erhielt sein heutiges Aussehen. Die Linde im Vorgarten musste der Umgestaltung der Hauptstrasse weichen. 1969 verkauften Marta und Leo Düblin-Degen nach fast einem Vierteljahrhundert das „Däge-Lädeli“ an den Milchverband Baselstadt im Hinblick darauf, dass der Dorfladen weiter existiere.

 

Blick vom Ermacora-Gebäude auf die alte Hauptstrasse (AG Ob)

Däge-Lädeli vor der Vergrösserung (A Ry)

 

 

Als 1946 Martha und Leo Düblin-Degen den Laden übernahmen, wurde ein neues Logo eingeführt. Da Oberwil damals noch keine Postleitzahl hatte und es mehrere Oberwil in der Schweiz gibt, wurde hinter dem Dorfnamen eine römische Fünf notiert.

 

 

 

 

Dieser wurde von den Familien Studinger und später vom Ehepeaar Zaugg weitergeführt. Wegen zu grosser Konkurrenz durch die Einkaufszentren wurde das Geschäft aufgegeben und die Liegenschaft Ende 2007 der Gemeinde Oberwil verkauft. Die Stiftung Jugendsozialwerk Liestal führte den Laden und ein Bistro bis 2015. Eine fast 160jährige Ladengeschichte nahm somit sein vorläufiges Ende.

Regioladen Tri-Color im ehemaligen Däge-Lädeli, 2012 (Ry)

Regioladen Tri-Color im ehemaligen Däge-Lädeli, 2012 (Ry)

Nach fast einem Jahr Leerstand, zog im Herbst 2016 wieder Leben in die Hauptstrasse 20 ein. Das Schaufenster wird von der Gemeinde als Informationsplattform für wichtige kommunale Themen genutzt, im Ladenlokal zog das Nähatelier „treki (trendy kids)“ ein und im Lager des ehemaligen Ladens stellt die Brauereigenossenschaft Waldschössli wieder Oberwiler Bier her.

Zirkus Sarasani

1912 wurden Plakate vom Zirkus Sarasani an Wänden und Scheunen geklebt. Für uns Buben ein grosses Staunen und Drängen zu Hause, den Zirkus sehen zu dürfen. Mit Wittlin Gusti, Bering Karli und anderen marschierten wir nach Basel auf die Margarethenwiese, wo die Zelte und Wagen mit den grossen Plakaten des Zirkus Sarasani zu sehen waren. Geld hatten wir keines und konnten deshalb auch keine Vorstellung besuchen. Aber wenn so ein Zirkusmensch heraus kam und das Zelttuch bei Seite schob, erhaschten wir Sekunden lang einen Blick in diese Wunderwelt. Stolz ging es dann wieder heim zu, wo wir sehr fantasievoll unsere Erlebnisse mit dem Zirkus zum Besten gaben. Die Plakate mit den auf den Kübeln sitzenden Elefanten, den edlen Reitern, den Tiger, das gewaltige Zirkuszelt, die Wagen mit den dressierten Tieren, die grossartig gekleideten Akrobaten. Das alles hatte mich wieder einmal in seinen Bann gezogen, so dass es nicht allzu lange ging, bis ich auf unserer Heubühne auch einen Zirkus eingerichtet hatte. Ich war der Zirkusdirektor mit einer langen Haselrute mit „Zwick“, die knallte wie echt. Weber Freddel schwang sich mit den Ringen am Seil, das zuoberst am Dachbalken befestigt war und rief bis er heisser wurde Zirkus Sarasani. In den leeren Kisten von unserem Spezereilädeli waren die „wilden Tiere“ untergebracht, die fürchterlich schrien und auf den leeren Schmutzkübeln sassen die Elefanten. Der Eintritt kostete 2 Centimes und das Publikum musste, wie schon vorher alle Zirkusangestellten, das Heuleiterli hinauf, um den Zirkus auf der Heubühne zu sehen. Nicht alle hatten 2 Centimes, einige nur einen und einige auch keinen. Da aber das Publikum meistens aus 3-7 jährigen Knirpsen bestand, waren wir grosszügig und liessen alle auf unsere Bühne. Nach der lautstarken Vorstellung hatten wir einen Reingewinn von 35 Centimes zu verteilen. Elefanten und Tiger, die an der Vorstellung sowieso nur schreien mussten, brauchten wir bei der Teilung der Beute nicht zu berücksichtigen. Es blieben noch die 3 Hauptdarsteller, Weber, Freddel, Meier Ernst und ich als Besitzer und Direktor. Einstimmiger Beschluss: für 35 Centimes im Schlüssel, der Bäckerei und Wirtschaft, eine Schokolade zu kaufen. In unserem Lädeli verkauften wir natürlich auch „Schoggi“. Aber da wollte ich nicht hinein, sonst hätte ich vom Gewinn reden müssen. Also kauften wir die „Schoggi“ im Schlüssel und verteilten sie nach Ansprüchen. Ich wollte die Hälfte, weil alles mein war. Freddi protestierte, er habe mehr gebrüllt als alle anderen und Ernst wäre auch mit einem Drittel zufrieden gewesen. Zuletzt war die Schoggi in meinen Händen weich geworden, wir rissen sie einander aus den Händen und am Schluss war der beanspruchte Teil eine jämmerliche Schoggisauce.“

Jacques Düblin (1901 – 1978)