1824 stellte die Verwaltungskommission des Kantons Basel fest, dass das Oberwiler Schulhaus sich in einem bedenklichen Zustand befand: «Oberwil sey genöthigt, ein ganz neues Schulgebäude zu errichten.» Die Gemeinde kam dem Auftrag nach, da sie die Notwendigkeit eingesehen hatte.
Das Schulhaus, welches sich gemäss Verwaltungskommission in einem bedenklichen Zustand befand, war Oberwils erstes Schulhaus – gestiftet von Johann Jakob Wehrlin. Mehr zum ersten Oberwiler Schulhaus erfahren Sie hier.
Nun gab es aber Standortdiskussionen: Abbruch des alten Schulhauses und Neubau am gleichen Standort, oder das alte Schulhaus verkaufen und das neue bei der Pfarrscheune zu bauen. Als man sich 1827 endlich auf den Standort Pfarrscheune geeinigt hatte, tauchte plötzlich eine neue Möglichkeit auf: Die bestehende Liegenschaft von Leonhard Sütterlin, mitten im Dorf gelegen, wurde der Gemeinde für Fr. 1‘600 zum Kauf angeboten.
Abklärungen ergaben, «das Haus sei für die Schule weit vorzüglicher und geeigneter als das Projekt Pfarrscheune und dass dasselbe von allen Seiten freistehend, vermittelst einer Überbauung des oberen Bodens zu einem bequemen Schulhaus mit Wohnung für den Lehrer und einer geräumigen 825 Quadratschuh haltenden Schulstube eingerichtet werden kann und dass die Kosten dieser Baute, ohne Holz und Frohnden auf das höchste berechnet Fr. 2’227.– betragen werde».
Was aber ist ein «Quadratschuh»? In früheren Zeiten kannte man in der Schweiz keine einheitlichen Masseinheiten. Erst die Einführung des dezimalen Meter-, Liter-, und Kilogramm-Systems am 1. Januar 1877 beendete die unterschiedlichen kantonalen und schweizerischen Systeme. Die Längenmasse «Schuh» und «Fuss» waren in früheren Zeiten gebräuchlich. Ein Schuh entsprach damals 12 Zoll, das entspricht 30,48 cm. Ein Quadratschuh entsprach demnach 93,025 Quadratzentimetern. In der Endabrechnung dürfte die geräumige Schulstube etwa 77 Quadratmeter gross gewesen sein. Das entspricht in etwa einem heutigen Schulzimmer für eine Klasse von 25 Schülern.
Das 1827 erbaute und 1829 eingeweihte Sprützehüsli war einst Schulhaus, Kindergarten, Gemeindeverwaltung, Arrestlokal und Magazin der Feuerwehr.
Aufnahme 2012 | Pascal Ryf
Die Gemeinde war offenbar schon vor dem Bau und der Inbetriebnahme des zweiten Schulhauses finanziell ziemlich schlecht gestellt. Die Baukosten inkl. Erwerb der Liegenschaft beliefen sich letztlich auf Fr. 4’790.24. – für damalige Verhältnisse eine stolze Summe- und übertrafen den Kostenvoranschlag damit um mehr als das Doppelte. Zwecks Finanzierung musste daher ein Darlehen über Fr. 900.- bei einer Privatperson aufgenommen werden, und die Gemeinde stellte beim Statthalter den Antrag, Bäume schlagen zu dürfen. Insgesamt wurden fast 200 Fiechte (das sind nach Oberwiler Sprachgebrauch Föhren!) und Eichen gefällt, die einerseits für den Bau verwendet wurden, und andererseits in den Verkauf gelangten, was eine Summe von Fr. 308.80 erbrachte. Die Bauarbeiten zogen sich in die Länge, so dass das neue Schulhaus erst am 10.2.1829 in Betrieb genommen werden konnte.
Die ebenfalls zum Schulgebäude gehörende Wohnung wurde allerdings nicht in Anspruch genommen, da zwei Kammern im Dachboden, die grundsätzlich verfügbar gewesen wären, von der Gemeinde nicht hergerichtet worden waren und die Wohnung vom Schulmeister Seraphin Bannier (für seine 8-köpfige Familie als zu klein erachtet wurde.
Wenn man in Betracht zieht, dass im Jahr 1833 ein Oberwiler Lehrer 122 Kinder unterrichtete – erst nach Fertigstellung des neuen «mittleren» Schulhauses im Jahr 1860 wurde in Oberwil eine zweite Lehrerstelle geschaffen– relativiert sich der Begriff von der «schönen und geräumigen Schulstube», von der in Berichten die Rede ist. Vermutlich war der Lehrer daher gar nicht so unglücklich, dass während des Sommersemesters von den erwähnten 122 schulpflichtigen Kindern 86 immer oder fast immer fehlten und nur gerade deren vier die Schule so besuchten, dass der Lehrer ihnen etwas beibringen konnte. Kinder waren damals in der Landwirtschaft schon in jungen Jahren unentbehrlich, und den Eltern war es wichtiger, auf eine kostenlose Mithilfe im bäuerlichen Betrieb zählen zu können, als den Kindern eine gute Schulbildung angedeihen zu lassen.
Das Sprützehüsli gehört der Bürgergemeinde Oberwil. Heute wird das Sprützehüsli vorallem als Ausstellungsraum genutzt und vom Kulturforum der Bürgergemeinde Oberwil unterhalten. Die alte Glocke läutet noch heute jede Vernissage ein.
Am Schmutzige Donnschtig läutet die Glocke die Oberwiler Fasnacht ein. Am Fasnachtsfeuer-Sonntag wird die Fasnacht wieder ausgeläutet.
Aufnahme 2026 | Pascal Ryf
Vielleicht war die Unterbeschäftigung des Lehrers durch die vielen Absenzen ja der Grund, weshalb diesem anstatt der ihm zugesicherten 400 Franken Jahreslohn nur gerade 233 Franken und 9 Batzen ausgezahlt wurden. Der Lehrer Abbé Kiefer beurteilte die Lage nicht sehr positiv und hielt fest:» Ebenso misslich als mit dem Schulbesuch steht es auch mit meinem Gehalte, welches offenbar nicht hinreicht, um mir eine anständige Kost zu verschaffen und übrige Bedürfnisse zu bestreiten.»
Erst im Jahr 1840 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Gemeinden des Baselbiets verpflichtete, eine Arbeitsschule für Mädchen einzurichten, so das auch die Gemeinde Oberwil ab 1841 über eine Solche verfügte. Die Schulstunden wurden offenbar in den Räumen des zweiten Schulhauses abgehalten. In einem Brief von 1863 wenden sich die nunmehr bereits zwei Lehrerinnen der Mädchen-Arbeitsschule mit der Bitte an den Gemeinderat, die Arbeitsschule in der Winterzeit in das neu erbaute «mittlere Schulhaus» verlegen zu dürfen, da «das bisherige wegen gebrechlicher Fenster bereits unbeheizbar» sei. Diesem Wunsch scheint die Gemeinde stattgegeben zu haben, denn nach dem Bau des mittleren Schulhauses fanden im alten Schulzimmer bald nur noch für Gemeindeversammlungen und Vereinsanlässe statt. Im vorderen Teil des Erdgeschosses wurde bereits im Jahr 1892 das Pompiermagazin eingerichtet während sich im hinteren Teil eine Arrestzelle befand.
Von 1892 bis Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts war im zweiten Oberwiler Schulhaus auch die Feuerwehr untergebracht – daher der Name «Sprützehüsli».
Strassenseitig befanden sich zwei Tore für die Maschinen und Fahrzeuge der Feuerwehr. Die Schläuche wurden in den Dachstock hochgezogen und dort über Holzbalken gelegt, damit die Schläuche trocknen können.
Aufnahme 1978 (A FWO)
Infolge einer starken Zunahme von Schülern wurde das Schulzimmer ab 1892 wieder als Schulzimmer genutzt, bis im Jahr 1899 das neu erbaute Wehrlinschulhaus in Betrieb genommen werden konnte. Im selben Jahr wurde in Oberwil die sogenannte Kleinkinderschule, später Kindergarten genannt, die auf Initiative von Stefan Gschwind hin gegründet worden war, im ehemaligen Schulzimmer des zweiten Schulhauses in Betrieb genommen. Erst Ende der 60er Jahre wurde dieser Kindergarten aufgehoben. Die erste «Lehrerin», Martha Düblin, hatte 60-70 Kinder zu betreuen und wurde von den Kindern liebevoll «Tante Martha» genannt.
Nachdem die Feuerwehr in der Löchlimatt ein neues Feuerwehrmagazin beziehen konnte, übernahm 1977 die Bürgergemeinde das Sprützehüsli mit einem Abtausch gegen Kulturland von der Einwohnergemeinde übernehmen. Um darin ein Begegnungszentrum und Museum einzurichten, wurde das Gebäude innen und aussen restauriert. Bei dieser Gelegenheit wurden die beiden Tore an der Strassenseite wieder entfernt und durch schmale Öffnungen ersetzt. Das giebelständige und mit einem Krüppelwalmdach bedeckte, zweigeschossige Haus erhielt einen neuen Dachreiter mit einem Glöckchen. Es erinnert an das Glöckchen des nicht weit davon 1860 erbauten und 1960 abgebrochenen mittleren Schulhauses, das der neuen Gemeindeverwaltung weichen musste. Im Giebelfeld der Strassenseite und auf der Traufseite wurde das Fachwerk wieder sichtbar gemacht. Die hohen Fenster der ehemaligen Schulstube im Obergeschoss erhielten kleinteilige Sprossenfenster.
Das Sprützehüsli an der Hauptstrasse 32, wurde am 28. Juli 1981 in das Inventar der geschützten Baudenkmäler des Kantons Basel-Landschaft aufgenommen.
Aufnahme 2006 | Pascal Ryf